Christian Meyer in Ihlow

Von Windenergie bis Wassermanagement: Ein langer Abend mit Christian Meyer in Ihlow

Was Klimaschutz und Energiewende ganz konkret für Ostfriesland bedeuten

Wie schaffen wir eine Energiewende, die nicht nur das Klima schützt, sondern auch Arbeitsplätze sichert und Energie bezahlbar macht? Wie gehen wir damit um, dass wir im Winter und bei Starkregen teilweise zu viel Wasser haben – während im Sommer lange Trockenperioden drohen? Und wie schützen wir unsere Küste und die Inseln, während gleichzeitig immer mehr Energie auf und vor der Nordsee erzeugt wird?

Über diese und viele weitere Fragen wurde am 10. August bei einem langen und intensiven Abend mit Niedersachsens Umwelt-, Energie- und Klimaschutzminister Christian Meyer in Ihlow gesprochen.

Eingeladen hatte der Kreisverband Aurich-Norden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN zur Veranstaltung „Klimaschutz und Energiewende – Herausforderungen und Chancen für unsere Region“.

Dabei ging es nicht nur um große Klimaziele oder abstrakte politische Entscheidungen. Immer wieder stand die Frage im Mittelpunkt: Was bedeutet das alles ganz konkret für Ostfriesland, unsere Kommunen und die Menschen, die hier leben?

Energiewende ist für Ostfriesland auch Wirtschaftspolitik

Dass Windenergie für unsere Region keine abstrakte Zukunftstechnologie ist, muss man in Aurich wohl niemandem erklären. Unternehmen wie ENERCON stehen seit Jahrzehnten für Arbeitsplätze, Wissen und Wertschöpfung in Ostfriesland.

Passend dazu hatte Christian Meyer noch am selben Tag ENERCON in Aurich besucht. Auch am Abend in Ihlow ging es ausführlich darum, wie wichtig der weitere Ausbau der Windenergie für Niedersachsen und gerade für den Nordwesten ist.

Dabei wurde deutlich: Energiewende bedeutet längst nicht einfach, möglichst viele Windräder oder Solaranlagen zu bauen.

Der erzeugte Strom muss auch dorthin gelangen, wo er gebraucht wird. Dafür braucht es leistungsfähige Stromnetze. Und weil Wind und Sonne nicht immer genau dann Energie liefern, wenn sie benötigt wird, brauchen wir zusätzlich mehr Möglichkeiten, Strom zu speichern.

Auch Wasserstoff kann dabei künftig eine Rolle spielen – vor allem dort, wo sich Strom nicht direkt nutzen lässt, etwa in bestimmten Bereichen der Industrie.

Für unsere Region steckt darin eine große wirtschaftliche Chance. Wo erneuerbare Energie erzeugt wird, entstehen und bleiben Arbeitsplätze. Unternehmen können sich ansiedeln oder weiterentwickeln. Kommunen können profitieren. Und Ostfriesland kann einen wichtigen Beitrag zur Energieversorgung Deutschlands leisten.

Was passiert mit den Regeln für Wind- und Solarenergie?

Ausführlich gesprochen wurde auch über die politischen Rahmenbedingungen für den Ausbau der erneuerbaren Energien.

Der Bund arbeitet derzeit an neuen Regeln für die Förderung von Wind- und Solarenergie. Christian Meyer sieht einige der bisherigen Vorschläge kritisch.

Das Problem lässt sich auch ohne energiepolitische Fachbegriffe erklären: Gerade im Norden wird sehr viel erneuerbarer Strom produziert. Gleichzeitig sind die Stromnetze noch nicht überall so weit ausgebaut, dass dieser Strom jederzeit vollständig weitertransportiert werden kann.

Wenn genau deshalb neue Windkraftanlagen in diesen Regionen künftig schlechtere wirtschaftliche Bedingungen hätten, könnte das ausgerechnet diejenigen Gebiete treffen, die bei der Energiewende besonders viel leisten.

Für Ostfriesland ist das keine theoretische Debatte. Es geht ganz konkret um die Frage, ob sich Investitionen in neue Windenergie weiterhin lohnen, ob Unternehmen Planungssicherheit haben und ob Wertschöpfung und Arbeitsplätze in der Region bleiben.

Erneuerbare Energie und bezahlbarer Strom gehören zusammen

Ein weiterer Schwerpunkt waren die Energiepreise.

Christian Meyer warb dafür, stärker auf Energie zu setzen, die hier bei uns erzeugt wird. Wind und Sonne müssen nicht aus anderen Ländern importiert werden. Ihre Kosten hängen auch nicht davon ab, wie stark die Preise für Öl und Gas auf den internationalen Märkten schwanken.

Seine Botschaft war deshalb klar: Wer langfristig eine sichere und bezahlbare Energieversorgung möchte, braucht nicht weniger, sondern mehr erneuerbare Energien, bessere Stromnetze und mehr Speicher.

Das betrifft Windenergie an Land ebenso wie Photovoltaik und Windkraft auf See.

Hinzu kommt die Frage, wie Menschen und Kommunen vor Ort stärker davon profitieren können, wenn in ihrer Umgebung Energie erzeugt wird. Denn Akzeptanz entsteht auch dann, wenn nicht nur Strom produziert wird, sondern die Region wirtschaftlich etwas davon hat.

Niedersachsen kommt beim Ausbau voran

Christian Meyer machte an diesem Abend deutlich, dass Niedersachsen beim Ausbau der erneuerbaren Energien seine Ziele erreicht beziehungsweise auf Kurs ist.

Gerade bei der Windenergie gehört Niedersachsen zu den Ländern, die besonders stark ausbauen. Im Gespräch stellte Meyer auch den Unterschied zu anderen Bundesländern wie Bayern heraus, in denen der Ausbau insbesondere der Windkraft über lange Zeit deutlich langsamer voranging.

Gleichzeitig bedeutet ein erfolgreicher Ausbau der erneuerbaren Energien nicht, dass beim Klimaschutz schon alles geschafft wäre.

Niedersachsen will spätestens 2040 klimaneutral sein. Dafür reicht es nicht, nur die Stromerzeugung umzustellen. Auch Industrie, Verkehr, Gebäude und andere Bereiche müssen ihren Beitrag leisten.

Der Ausbau von Wind- und Solarenergie ist deshalb ein entscheidender Baustein – aber eben einer von mehreren.

Die vielleicht greifbarste Frage des Abends: Was machen wir mit unserem Wasser?

Besonders ausführlich wurde über ein Thema gesprochen, das durch die Klimakrise auch in Ostfriesland immer wichtiger wird: Wasser.

Das Problem wirkt zunächst widersprüchlich.

In nassen Wintern und bei Starkregen haben wir teilweise sehr viel Wasser auf einmal. Straßen, Felder, Gräben und Gewässer können große Wassermengen innerhalb kurzer Zeit kaum aufnehmen.

Gleichzeitig erleben wir zunehmend lange trockene Phasen. Im Sommer fehlt dann genau das Wasser, das wenige Monate zuvor noch möglichst schnell abgeleitet werden musste.

Dieser Wechsel zwischen zu viel und zu wenig Wasser war eines der großen Themen des Abends.

Die zentrale Idee lässt sich dabei erstaunlich einfach zusammenfassen:

Wir müssen Wasser dann zurückhalten, wenn wir viel davon haben, damit es uns in trockenen Zeiten nicht fehlt.

Das bedeutet auch, unseren bisherigen Umgang mit Wasser zu überdenken.

Regenwasser möglichst schnell über Gräben und Flüsse Richtung Meer abzuleiten, kann bei großen Wassermengen notwendig sein. Gleichzeitig müssen wir aber stärker überlegen, wo Wasser in der Landschaft gehalten, gespeichert oder wieder versickert werden kann.

So können Wasservorräte für trockene Zeiten gesichert werden. Gleichzeitig können Flächen, die Wasser aufnehmen können, bei Starkregen helfen.

Für eine Region wie Ostfriesland, in der Wasser seit Jahrhunderten eine zentrale Rolle spielt, ist das eine besonders große Aufgabe.

Hochwasserschutz und Wasserspeicherung zusammendenken

Damit hängt unmittelbar eine weitere Herausforderung zusammen: der Hochwasserschutz.

Gerade tief liegende Gebiete sind auf funktionierende Deiche, Siele und Schöpfwerke angewiesen. Wenn in kurzer Zeit sehr große Regenmengen fallen, muss Wasser zuverlässig abgeführt werden können.

Durch den Klimawandel wird diese Aufgabe anspruchsvoller. Starkregenereignisse können intensiver werden, während gleichzeitig der Meeresspiegel steigt.

Doch Wassermanagement bedeutet künftig eben nicht nur, Wasser möglichst schnell loszuwerden.

Es geht darum, die richtige Balance zu finden: Schutz vor Überschwemmungen im Winter und bei Starkregen – und gleichzeitig genügend Wasser für lange trockene Perioden im Sommer.

Das macht deutlich, wie eng Klimaschutz, Klimaanpassung und kommunale Planung miteinander verbunden sind.

Mehr Raum für Wasser

Auch die Frage versiegelter Flächen kam in diesem Zusammenhang zur Sprache.

Asphalt und Beton lassen kaum Wasser in den Boden. Bei Starkregen läuft das Wasser deshalb schnell oberirdisch ab. Kanalisation, Gräben und Gewässer können dadurch innerhalb kurzer Zeit überlastet werden.

Unversiegelte und begrünte Flächen können dagegen Wasser aufnehmen.

Sie helfen also gleich mehrfach: Sie können bei Starkregen einen Teil des Wassers zurückhalten, ermöglichen das Versickern in den Boden und tragen in trockenen und heißen Zeiten zu einem besseren örtlichen Klima bei.

Auch das ist ein Beispiel dafür, dass Klimaanpassung nicht erst bei riesigen Bauprojekten beginnt. Viele Entscheidungen darüber werden direkt in unseren Städten und Gemeinden getroffen.

Küstenschutz ist Daseinsvorsorge

Für Ostfriesland gehört zum Klimaschutz zwangsläufig auch die Anpassung an Veränderungen, die sich bereits heute nicht mehr vollständig verhindern lassen.

Der steigende Meeresspiegel betrifft unsere Region unmittelbar. Gleichzeitig müssen Deiche, Siele und Schöpfwerke auch künftig mit extremen Wetterlagen umgehen können.

Küstenschutz ist deshalb keine abstrakte Umweltpolitik.

Es geht darum, wie sicher Menschen auch in Zukunft hinter unseren Deichen leben können.

Das Land investiert weiter in den Küsten- und Hochwasserschutz. Gleichzeitig muss bei heutigen Planungen berücksichtigt werden, dass die Bedingungen in einigen Jahrzehnten andere sein werden als heute.

Gerade hier zeigt sich besonders deutlich: Klimaanpassung ist Daseinsvorsorge.

Die Nordsee liefert Energie – und bleibt ein empfindlicher Lebensraum

Auch die Windenergie auf See kam zur Sprache.

Christian Meyer berichtete unter anderem von einer bevorstehenden Auswilderung von Robben und erzählte davon, wie stark sich Offshore-Windenergie technisch weiterentwickelt hat.

Dabei ging es auch um die Frage, wie sich Windenergie und Meeresschutz besser miteinander verbinden lassen.

Beim Bau von Offshore-Anlagen müssen beispielsweise Meeressäuger wie Schweinswale vor starkem Unterwasserlärm geschützt werden. Dafür gibt es heute technische Verfahren und verbindliche Vorgaben zur Verringerung des Schalls.

Gleichzeitig können sich an den Strukturen der Anlagen unter Wasser neue Lebensräume entwickeln. Die Fundamente können in ihrer Wirkung teilweise künstlichen Riffen ähneln, an denen sich Muscheln und andere Meeresorganismen ansiedeln.

Das bedeutet nicht, dass Offshore-Windkraft ohne Auswirkungen auf die Natur ist. Aber es zeigt, wie stark sich Technik und Naturschutz weiterentwickeln können, wenn beides von Anfang an gemeinsam geplant wird.

Gasförderung vor Borkum: ein Konflikt direkt vor unserer Haustür

Besonders viel regionalen Bezug hatte auch die Diskussion um die geplante Gasförderung vor Borkum.

An diesem Abend waren ebenfalls Grüne von den ostfriesischen Inseln dabei, und entsprechend deutlich wurde, wie konkret dieses Thema die Region beschäftigt.

Christian Meyer bekräftigte seine ablehnende Haltung gegenüber der geplanten Gasförderung.

Dabei geht es um mehrere Fragen gleichzeitig: um den Schutz der Nordsee und des Wattenmeeres, um die Auswirkungen vor den Inseln – und um die grundsätzliche Frage, ob heute noch neue langfristige Investitionen in fossile Gasförderung sinnvoll sind, wenn Deutschland gleichzeitig seine Energieversorgung auf erneuerbare Quellen umstellt.

Gerade hier zeigt sich, dass Klimaschutz und Naturschutz nicht irgendwo weit entfernt stattfinden. Entscheidungen über die zukünftige Energieversorgung werden direkt vor unserer Küste sichtbar.

Wohin kommt Deutschlands Atommüll?

Ein ganz anderes langfristiges Thema beschäftigte die Runde ebenfalls: die Suche nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle.

Deutschland sucht weiterhin nach einem Ort, an dem der Atommüll für sehr lange Zeit sicher gelagert werden kann.

Dabei soll nicht politisch entschieden werden, welche Region die Abfälle aufnehmen muss. Zunächst wird wissenschaftlich untersucht, welche Gebiete aufgrund ihrer geologischen Bedingungen überhaupt geeignet sein könnten.

Christian Meyer berichtete, dass im Herbst ein neuer Zwischenstand veröffentlicht werden soll. Eine neue Karte wird dann genauer zeigen, welche Gebiete nach den bisherigen Untersuchungen weiter betrachtet werden und welche nicht.

Gerade auch in Norddeutschland liegen Gebiete, deren geologische Eigenschaften untersucht werden.

Wichtig ist dabei: Diese Karte wird noch keine Entscheidung darüber sein, wo ein Endlager gebaut wird. Die Suche befindet sich weiterhin in einem mehrstufigen Verfahren, in dem die möglichen Regionen Schritt für Schritt eingegrenzt werden.

Gerade weil ein Endlager viele Generationen betrifft, braucht es dabei nachvollziehbare wissenschaftliche Kriterien und ein transparentes Verfahren.

Und dann waren da noch Wolf und Igel

Bei all den großen Themen blieb der Abend nicht vollkommen ernst.

Christian Meyer erzählte auch eine kleine Anekdote aus dem Wahlkampf.

Für eine Illustration hatte er ursprünglich einen Wolf vorgeschlagen – ein Tier, über das in Niedersachsen bekanntlich leidenschaftlich diskutiert wird.

Am Ende wurde es dann doch ein Igel.

Und auch der hat ein sehr reales Problem: Besonders nachts können Mähroboter für Igel gefährlich werden.

Eine kleine Geschichte zwischen Windenergie, Wassermanagement, Nordsee und Endlagersuche – und gleichzeitig eine Erinnerung daran, dass Natur- und Umweltschutz manchmal bei sehr alltäglichen Dingen beginnen.

Klimaschutz entscheidet sich auch hier bei uns

Nach einem langen Abend blieb vor allem eines hängen: Klimaschutz und Energiewende bestehen nicht aus einem einzelnen großen Projekt.

Sie betreffen die Windräder, die in Ostfriesland entwickelt und gebaut werden. Sie betreffen Arbeitsplätze und Strompreise. Sie entscheiden darüber, wie wir mit Wasser umgehen und wie gut unsere Städte und Dörfer auf Starkregen, Hochwasser und lange Trockenperioden vorbereitet sind.

Sie betreffen unsere Deiche, die Nordsee und die ostfriesischen Inseln.

Und viele dieser Entscheidungen werden nicht irgendwo weit entfernt getroffen. Sie haben ganz konkrete Auswirkungen auf unsere Region – und bei vielen Fragen müssen Land, Kommunen, Wirtschaft und Menschen vor Ort gemeinsam Lösungen finden.

Vielen Dank an Christian Meyer für den ausführlichen und offenen Austausch und die vielen Einblicke in die aktuelle Umwelt-, Klima- und Energiepolitik des Landes.

Ein besonderer Dank geht an den Kreisverband Aurich-Norden von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, der diesen Abend organisiert und damit den Raum für die vielen Fragen, Gespräche und Diskussionen geschaffen hat.

Und natürlich vielen Dank an alle, die sich mit ihren Fragen, Erfahrungen und Perspektiven eingebracht haben.

Foto, v. l. n. r.: Robin Borgert, Christian Meyer, Judith Betten, Anja Trittelvitz, Dirk Finkeldey und Reinhold Mohr.

#MachsGrün #Aurich #Klimaschutz #Energiewende #Wasser

Verwandte Artikel